{"id":329,"date":"2015-06-16T16:23:12","date_gmt":"2015-06-16T15:23:12","guid":{"rendered":"https:\/\/www.andreas-mehltretter.de\/wp\/?p=329"},"modified":"2015-11-21T03:42:41","modified_gmt":"2015-11-21T02:42:41","slug":"die-griechenland-frage-bei-iwf-und-den-eu-staaten-reichts-nicht-mal-mehr-fuer-puren-eigennutz","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.andreas-mehltretter.de\/archiv\/2015\/06\/die-griechenland-frage-bei-iwf-und-den-eu-staaten-reichts-nicht-mal-mehr-fuer-puren-eigennutz\/","title":{"rendered":"Die Griechenland-Frage: Bei IWF und den EU-Staaten reicht\u2019s nicht mal mehr f\u00fcr puren Eigennutz"},"content":{"rendered":"<p>Die n\u00e4chsten Tage und Wochen werden f\u00fcr Eurokrisen-Fans wieder spannend: Was mit Griechenland passieren wird, war noch nie in dieser Krise so offen wie jetzt. Verl\u00e4uft alles so \u201ewie immer\u201c, werden wir mal wieder einen Kompromiss in allerletzter Minute bekommen, bei dem sich Griechenland auf einige der geforderten Reformen und Ziele einl\u00e4sst und eventuell die Schuldenlast leicht verringert wird \u2013 was bedeutet, dass wir den gleichen Zirkus in ein bis zwei Jahren wieder haben werden, weil sich die optimistischen Prognosen der Gl\u00e4ubiger bisher noch jedes Mal als v\u00f6llig falsch herausgestellt haben und Griechenland wieder Probleme haben wird, seinen\u00a0Haushalt mit den Vorgaben und der Realit\u00e4t in Einklang zu bringen.<\/p>\n<p><strong>Langfristig zu denken ist nicht die St\u00e4rke der Troika<\/strong><\/p>\n<p>Dabei ist genau das Problem: Kein vern\u00fcnftiger Mensch nimmt in Griechenland irgendetwas in Angriff, wenn er wei\u00df, dass die Chancen ganz gut stehen, dass in einem Jahr alles f\u00fcr den Kater war. Deswegen bleiben Investitionen aus, und wenn niemand investieren will, weil unsicher ist, ob Griechenland im Euro und in der EU bleiben kann, helfen auch die tollsten Strukturreformen nichts.<\/p>\n<p>Deshalb sind die Forderungen der Gl\u00e4ubiger<a href=\"#f1\">*<\/a> auch so besonders schwachsinnig: Der <em>Prim\u00e4r\u00fcberschuss<\/em>, der bestimmt, wie viel der griechische Staat sparen m\u00fcssen wird, ist zwar laut aktuellen Medienberichten f\u00fcr dieses Jahr auf etwa ein Prozent runterverhandelt, was wohl eine auch auf Dauer tragbare L\u00f6sung sein k\u00f6nnte. Problem nur: Die n\u00e4chsten Jahre soll er auf zwei, drei, dreieinhalb Prozent ansteigen. Das ist unrealistisch; die \u00fcberzogenen Sparziele werden aufgrund ihrer negativen Auswirkungen auf die griechische Wirtschaft zu einem weiteren Einbruch f\u00fchren, wie man die letzten Jahre sch\u00f6n beobachten konnte. Das hei\u00dft, wir werden 2016 oder 2017 wieder Verhandlungen sehen, alle Optionen offen, sodass jeder Investor jetzt schon wei\u00df, es lieber sein zu lassen mit Griechenland.<\/p>\n<p>W\u00fcrde man jede Unsicherheit mit einer langfristigen realistischen Vereinbarung beseitigen, k\u00f6nnten die in den n\u00e4chsten Jahren anstehenden Zins- und Schuldenr\u00fcckzahlungen m\u00f6glicherweise getragen werden. Viele Stimmen, unter anderem auch der IWF, sehen aber einen gr\u00f6\u00dferen <em>Schuldenschnitt oder eine gr\u00f6\u00dfere Restrukturierung<\/em> (man k\u00f6nnte die Schuldzahlungen auf hundert oder hundertf\u00fcnfzig Jahre strecken, wie das schon des \u00d6fteren in der Geschichte passiert ist) notwendig an \u2013 dar\u00fcber wird aber in den aktuellen Verhandlungen nicht ernsthaft in den ben\u00f6tigten Ausma\u00dfen gesprochen. Eine sicher in den n\u00e4chsten Monaten und Jahren notwendige Entscheidung, wie man mit den griechischen Schulden weiter verfahren will, wird also vertagt; das bedeutet nat\u00fcrlich, dass die langfristige Perspektive f\u00fcr Unternehmer und Investoren unsicher bleibt.<\/p>\n<p>Wie kurzfristig die Gl\u00e4ubiger denken, l\u00e4sst sich immer auch sch\u00f6n am Beispiel der geforderten <em>Privatisierungen<\/em> ablesen: Eisenbahn, Autobahnen, H\u00e4fen und andere elementare Infrastruktur zu privatisieren hat sich bisher noch in den seltensten F\u00e4llen als langfristig sinnvoll erwiesen, insbesondere nicht aus Sicht der Kosten f\u00fcr den Staat. Privatisierungen bringen kurzfristig ein wenig Geld, langfristig aber im besten Fall nichts.<\/p>\n<p><strong>Das Verhalten der Troika schadet\u00a0nicht nur Griechenland<\/strong><\/p>\n<p>Das paradoxe am Verhalten der Gl\u00e4ubiger ist aber: Nicht nur Griechenland hat darunter zu leiden, sondern die Folgen f\u00fcr den IWF und die EU-Staaten k\u00f6nnten genauso unangenehm werden.<\/p>\n<p>Eigentlich\u00a0m\u00fcsste es den Gl\u00e4ubigern jetzt darum gehen, m\u00f6glichst viel von ihrem Geld, das sie Griechenland geliehen haben in den letzten Jahren, wieder zur\u00fcckzubekommen. Das ist der Grund, warum Banken f\u00fcr gew\u00f6hnlich in Probleme geratenen Betrieben und Personen entgegenkommen: weil weniger oder sp\u00e4ter zur\u00fcckzahlen immer noch besser ist als nichts zur\u00fcckzahlen, weil vollkommene Pleite.<\/p>\n<p>Das scheint aber nicht der Ansatz der\u00a0EU-Staaten und des IWF zu sein. Der IWF wei\u00df aus seiner eigenen Forschungsabteilung seit einigen Jahren, dass Sparbem\u00fchungen in Krisen nicht zu einer Besserung, sonder Verschlimmerung der Lage f\u00fchren; er wei\u00df auch, dass nicht alle Strukturreformen besonders gut f\u00fcr das Wachstum sind, v. a. auf dem Arbeitsmarkt; und trotzdem bleiben die Forderungen des IWF davon komplett unber\u00fchrt.<\/p>\n<p>M\u00f6glicherweise stimmt es, dass der IWF und die EU-Staaten Angst haben, Griechenland nachzugeben, weil sie ja dann theoretisch\u00a0anderen L\u00e4ndern auch nachgeben m\u00fcssten. Das ist tats\u00e4chlich auch ein valides Argument, Gleichbehandlung au\u00dferdem ein wichtiger Gerechtigkeitsgrundsatz. Nur: Vielleicht sind die Regeln, die der IWF f\u00fcr seine Hilfsprogramme weltweit aufstellt, und die Regeln, die die EU f\u00fcr Verschuldung, Reformen, etc. vorsieht, einfach auch \u00fcberall f\u00fcr alle L\u00e4nder\u00a0gleich beschissen! Der richtige Schritt w\u00e4re also, die Fehler der Vergangenheit zu erkennen und es in Zukunft nicht nur in Griechenland, sondern \u00fcberall besser zu machen \u2026<\/p>\n<p>Wenn man nicht zwangsweise \u201eRecht haben\u201c m\u00fcsste, k\u00f6nnte man rational abw\u00e4gen, ob man wirklich Griechenland Pleite gehen lassen will: Moderaten Reformforderungen und einer ausreichenden, geordneten Schuldenrestrukturierung, bei der man auf einen gr\u00f6\u00dferen Anteil der Schulden verzichtet, daf\u00fcr aber Griechenland im Euro h\u00e4lt, steht eine ungeordnete Pleite gegen\u00fcber. Die wird mit einer nicht besonders kleinen Wahrscheinlichkeit sofort zu Ansteckungseffekten bei anderen L\u00e4ndern f\u00fchren, zu denen wahrscheinlich auch Italien und Frankreich geh\u00f6ren; langfristig wird niemand mehr davon ausgehen, dass der Euro unumkehrbar ist, und Draghi bei seiner n\u00e4chsten \u201ewhatever-it-takes\u201c-Rettungsaktion ausgelacht; und die Kosten f\u00fcr die anstehende humanit\u00e4re Katastrophe in Griechenland wird man trotz allem tragen m\u00fcssen \u2013 au\u00dfer nat\u00fcrlich man macht\u2019s wie mit den Fl\u00fcchtlingen \u2026<\/p>\n<p>Die Aussichten f\u00fcr die EU-Staaten sind also langfristig nicht besonders rosig. Griechenland dagegen w\u00fcrde zwar mit einer erkl\u00e4rten Staatspleite m\u00f6glicherweise erstmal ins Chaos st\u00fcrzen, h\u00e4tte sich aber immerhin der Altlasten und kontraproduktiven Forderungen entledigt und w\u00e4re wohl in zehn bis zwanzig Jahren besser dran als mit dem fortgef\u00fchrten Wahnsinn seiner Gl\u00e4ubiger. Vielleicht wird Griechenland also nicht wie bisher um jeden Preis die Bedingungen f\u00fcr eine Einigung\u00a0akzeptieren wollen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><em>Fu\u00dfnote<\/em><br \/>\n<a name=\"f1\"><\/a>* <a href=\"http:\/\/www.sueddeutsche.de\/wirtschaft\/schuldenkrise-darueber-streiten-sich-griechenland-und-die-glaeubiger-1.2522951\" target=\"_blank\">Hier eine aktuelle \u00dcbersicht der SZ<\/a> zu den unterschiedlichen Positionen der Gl\u00e4ubiger und Griechenland.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die n\u00e4chsten Tage und Wochen werden f\u00fcr Eurokrisen-Fans wieder spannend: Was mit Griechenland passieren wird, war noch nie in dieser &hellip; <a href=\"https:\/\/www.andreas-mehltretter.de\/archiv\/2015\/06\/die-griechenland-frage-bei-iwf-und-den-eu-staaten-reichts-nicht-mal-mehr-fuer-puren-eigennutz\/\" class=\"more-link\">Continue reading <span class=\"screen-reader-text\">Die Griechenland-Frage: Bei IWF und den EU-Staaten reicht\u2019s nicht mal mehr f\u00fcr puren Eigennutz<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_jetpack_newsletter_access":"","_jetpack_dont_email_post_to_subs":false,"_jetpack_newsletter_tier_id":0,"_jetpack_memberships_contains_paywalled_content":false,"_jetpack_memberships_contains_paid_content":false,"footnotes":"","jetpack_publicize_message":"","jetpack_publicize_feature_enabled":true,"jetpack_social_post_already_shared":true,"jetpack_social_options":{"image_generator_settings":{"template":"highway","default_image_id":0,"font":"","enabled":false},"version":2},"jetpack_post_was_ever_published":false},"categories":[2],"tags":[],"class_list":["post-329","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-politisches"],"jetpack_publicize_connections":[],"jetpack_featured_media_url":"","jetpack_sharing_enabled":true,"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.andreas-mehltretter.de\/archiv\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/329","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.andreas-mehltretter.de\/archiv\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.andreas-mehltretter.de\/archiv\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.andreas-mehltretter.de\/archiv\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.andreas-mehltretter.de\/archiv\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=329"}],"version-history":[{"count":4,"href":"https:\/\/www.andreas-mehltretter.de\/archiv\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/329\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":333,"href":"https:\/\/www.andreas-mehltretter.de\/archiv\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/329\/revisions\/333"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.andreas-mehltretter.de\/archiv\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=329"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.andreas-mehltretter.de\/archiv\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=329"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.andreas-mehltretter.de\/archiv\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=329"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}