{"id":339,"date":"2015-11-21T18:11:27","date_gmt":"2015-11-21T17:11:27","guid":{"rendered":"https:\/\/www.andreas-mehltretter.de\/wp\/?p=339"},"modified":"2015-11-21T18:11:27","modified_gmt":"2015-11-21T17:11:27","slug":"leitkultur-fuer-funktionierende-integration-sind-ideologische-opfer-von-rechts-und-links-notwendig","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.andreas-mehltretter.de\/archiv\/2015\/11\/leitkultur-fuer-funktionierende-integration-sind-ideologische-opfer-von-rechts-und-links-notwendig\/","title":{"rendered":"\u201eLeitkultur\u201c?! F\u00fcr funktionierende Integration sind ideologische Opfer von Rechts und Links notwendig"},"content":{"rendered":"<p>Es gibt wenige Begriffe, die in linken Kreisen solch dramatische Abneigung\u00a0ausl\u00f6sen wie der der \u201eLeitkultur\u201c. Deswegen beschreibt Thomas Oppermann, der Vorsitzende der SPD-Bundestagsfraktion, <a href=\"http:\/\/www.spdfraktion.de\/themen\/warum-es-deutschland-keine-leitkultur-geben-kann\" target=\"_blank\">\u201ewarum es in Deutschland keine ,Leitkultur\u2018 geben kann\u201c<\/a>: weil man in Deutschland niemandem seine Lebensweise vorschreiben kann, sofern sie mit den deutschen Gesetzen vereinbar ist.\u00a0Oppermann schreibt aber auch:<\/p>\n<blockquote><p>\u201eOffenheit bedeutet aber nicht Beliebigkeit. Einen Platz in dieser Gesellschaft finden deshalb nur jene, die die Grundwerte unserer republikanischen und demokratischen Ordnung als verbindlich ansehen. Wer dauerhaft hier leben will, muss die deutsche Sprache lernen, f\u00fcr sich selbst Verantwortung \u00fcbernehmen, die Rechte von Frauen und Kindern achten, auf Gewalt als Mittel der politischen Auseinandersetzung verzichten sowie Andersdenkende und Andersgl\u00e4ubige respektieren. Das sind die Leitplanken f\u00fcr ein freies und selbstbestimmtes Leben in Deutschland. Das darf und muss der Staat von allen B\u00fcrgern verlangen. Das ist eine klare, unmissverst\u00e4ndliche Botschaft &#8211; auch f\u00fcr Einwanderer und Fl\u00fcchtlinge.\u201c<\/p><\/blockquote>\n<p>F\u00fcr mich liefert Oppermann damit eine 1a-Definition davon, was man unter \u201eLeitkultur\u201c verstehen k\u00f6nnte, wenn die Konservativen mit dem Begriff in den 2000er Jahren nicht solchen Unfug getrieben h\u00e4tten. Die Essenz besteht f\u00fcr mich in der Erkenntnis, dass dauerhafte Integration \u2013 sei es von Fl\u00fcchtlingen, sei es von anderen Gruppen und Einzelnen, die sich nicht zugeh\u00f6rig f\u00fchlen zu unserer Gesellschaft \u2013 viel mehr erfordert als das blo\u00dfe Befolgen aller Buchstaben deutschen Rechts.<\/p>\n<p><strong>Ideologische Opfer von Links und Rechts<\/strong><\/p>\n<p>Soll die Integration der vielen Fl\u00fcchtlinge in den n\u00e4chsten Jahren funktionieren, m\u00fcssen meines Erachtens sowohl von Links als auch von Rechts Opfer gebracht werden, indem man sich von fr\u00fcheren ideologischen Positionen entfernt.<\/p>\n<p>Linke m\u00fcssen akzeptieren, dass es Unterschiede zwischen Kulturen und innerstaatlichen Umgangsformen gibt, und dass diese Unterschiede nicht wertneutral zu betrachten sind.\u00a0Der Entwicklungs\u00f6konom Paul Collier, dessen Buch \u201eExodus\u201c ich jedem w\u00e4rmstens empfehle, verwendet zur Beschreibung dieser unterschiedlichen Institutionen und Kulturen in verschiedenen L\u00e4ndern den Begriff \u201eSozialmodell\u201c. Mit diesem erweiterten institutionellen Ansatz lassen sich die Einkommensunterschiede zwischen den L\u00e4ndern weit besser erkl\u00e4ren als mit anderen (z. B. geographischen) Theorien. Wenn es Sozialmodelle gibt, die zu mehr Wohlstand f\u00fchren, und andere, die zu weniger Wohlstand f\u00fchren, hei\u00dft dies f\u00fcr die L\u00e4nder mit funktionierenden Sozialmodellen wie etwa Deutschland, dass dieses Sozialmodell erhaltenswert ist.<\/p>\n<p>Deshalb ist es durchaus gerechtfertigt, von neuen Einwohnern in Deutschland zu fordern, sich dem deutschen Sozialmodell anzupassen, zu dem, wie oben von Oppermann beschrieben, Sprache, Umgangsformen und die Inkorporation von Werten wie Gleichberechtigung, Toleranz und gegenseitigem Vertrauen geh\u00f6ren. Um das h\u00e4ssliche Wort zu verwenden: Ein gewisses Ma\u00df an Assimilation ist der Grundstein jeglicher Integration von Mensch in ein funktionierendes Sozialmodell. Nein, das alles bedeutet nicht, Menschen aus anderen Kulturkreisen abzuwerten. Aber es ist durchaus gerechtfertigt, unterschiedliche kulturelle Hintergr\u00fcnde und (durch Sozialisation erworbene!) Werturteile auch unterschiedlich zu bewerten.<\/p>\n<p>Rechte m\u00fcssen dagegen akzeptieren, dass nicht jegliche Ver\u00e4nderung der Gesellschaft schlecht ist und \u2013 um bei dem Begriff zu bleiben \u2013 unser Sozialmodell im Diskurs \u00fcber solche Herausforderungen wie die aktuelle Fl\u00fcchtlingssituation auch verbessert werden kann.<\/p>\n<p>Entscheidend ist allerdings, dass sie\u00a0akzeptieren, dass auch eine erfolgreiche \u201eLeitkultur\u201c allein nicht ausreicht f\u00fcr die Integration \u2013 mindestens genauso wichtig ist die sozio\u00f6konomische Integration: Werden Fl\u00fcchtlinge nicht anst\u00e4ndig in den deutschen Arbeitsmarkt integriert, scheitert die Integration. Werden Fl\u00fcchtlinge nur am alleruntersten Ende in den Arbeitsmarkt integriert, scheitert die Integration ebenso. Und sollten negative \u00f6konomische Auswirkungen der Fl\u00fcchtlinge von Menschen am unteren Rand der Einkommensverteilung getragen werden m\u00fcssen, wird das die soziokulturelle Spaltung der deutschen Gesellschaft zwischen den unteren und mittleren Schichten, den zu integrierenden Fl\u00fcchtlingen und der Oberschicht dramatisch vorantreiben.<\/p>\n<p><strong>Sozialer Ausgleich<\/strong><\/p>\n<p>Im Zentrum der gelingenden Integration aller Teile der deutschen Gesellschaft steht also eine Einkommens-, Verm\u00f6gens- und Chancenverteilung, die von allen Gruppen als angemessen betrachtet wird. Die Folgen einer Missachtung dieser Erkenntnis lassen sich hervorragend in den franz\u00f6sischen Banlieues beobachten. Nur wenn unsere neuen Einwohner in ein paar Jahren \u00e4hnliche Chancen und Einkommen haben wie der Rest der Gesellschaft, werden sie sich als Teil dieser Gesellschaft f\u00fchlen.<\/p>\n<p>Aber ebenso werden nur dann breite Mehrheiten der einheimischen\u00a0Gesellschaft ihre freundliche Einstellung behalten, wenn die \u00f6konomischen Belastungen, die die Fl\u00fcchtlinge eventuell<a href=\"#f1\">*<\/a> mit sich bringen, nicht zum Gro\u00dfteil auf die unteren und mittleren Einkommensschichten abgew\u00e4lzt werden \u2013 dazu nicht bereit zu sein,\u00a0ist nach Jahren der Lohnstagnation und steigenden Einkommen am oberen Ende der Verteilung meiner Meinung nach auch verst\u00e4ndlich. Das Ziel der Integration der Fl\u00fcchtlinge w\u00e4re ein hervorragender Anlass, generelle Bem\u00fchungen um sozialen Ausgleich durch Bildung und Ausbildung, \u00f6ffentliche Infrastruktur und gerechtere Lastenverteilung im Steuersystem in Angriff zu nehmen. Ein wichtiger Bestandteil w\u00e4re etwa ein gro\u00df angelegtes Investitionsprogramm f\u00fcr bezahlbaren Wohnraum, der sowohl Fl\u00fcchtlingen als auch Einheimischen zugute k\u00e4me.<\/p>\n<p><strong>Die Integration der Fl\u00fcchtlinge ist machbar<\/strong><\/p>\n<p>Insgesamt bin ich der festen \u00dcberzeugung, dass Deutschland ohne gro\u00dfe Probleme\u00a0f\u00e4hig ist, f\u00fcnf bis zehn Millionen Fl\u00fcchtlinge \u00fcber die n\u00e4chsten f\u00fcnf Jahre oder mehr zu integrieren. Daf\u00fcr ist es allerdings notwendig einzusehen, dass Integration eine gewisse Ann\u00e4herung der Fl\u00fcchtlinge an Sprache, Recht, Umgangsformen und Werte in Deutschland voraussetzt. Genauso Voraussetzung f\u00fcr gelingende Integration ist allerdings eine Politik des sozialen Ausgleichs mit gro\u00dfen \u00f6ffentlichen Investitionen und gerechten Lastenverteilungen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><em>Fu\u00dfnote<\/em><br \/>\n<a name=\"f1\"><\/a>* Der \u00fcberwiegende Konsens bisheriger Prognosen und der wissenschaftlichen Literatur zu vergangenen Einwanderungsperioden besteht darin, dass selbst unqualifizierte Einwanderung gesamtwirtschaftlich nur kurzfristig negative Effekte bringt, wenn \u00fcberhaupt. Langfristig sind positive Effekte zu erwarten, die allerdings ungleich verteilt sind und eher den oberen Einkommensschichten zukommen und die unteren Einkommensschichten nicht signifikant betreffen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es gibt wenige Begriffe, die in linken Kreisen solch dramatische Abneigung\u00a0ausl\u00f6sen wie der der \u201eLeitkultur\u201c. 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