{"id":829,"date":"2018-02-07T16:14:55","date_gmt":"2018-02-07T15:14:55","guid":{"rendered":"https:\/\/www.andreas-mehltretter.de\/wp\/?p=829"},"modified":"2018-02-07T16:14:55","modified_gmt":"2018-02-07T15:14:55","slug":"mehr-waffen-mehr-innerstaatliche-konflikte","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.andreas-mehltretter.de\/archiv\/2018\/02\/mehr-waffen-mehr-innerstaatliche-konflikte\/","title":{"rendered":"Mehr Waffen = mehr innerstaatliche Konflikte?"},"content":{"rendered":"<p>Letzte Woche habe ich die freudige Nachricht bekommen, dass mein erstes Paper jetzt ver\u00f6ffentlicht ist: Im \u201eJournal for Peace Research\u201c ist der Artikel \u201eThe build-up of coercive capacities. Arms imports and the outbreak of violent intrastate conflicts\u201c von Oliver Pamp, Lukas Rudolph, Paul W. Thurner, Simon Primus und mir online erschienen, f\u00fcr alle mit Uni-Zugang <a href=\"https:\/\/doi.org\/10.1177\/0022343317740417\">hier<\/a> verf\u00fcgbar. Ich will in diesem kleinen Beitrag einen kurzen \u00dcberblick geben, was wir herausgefunden haben und \u2013 hoffentlich auf leicht verst\u00e4ndliche Art \u2013 wie wir vorgegangen sind.<\/p>\n<h4>Worum geht&#8217;s?<\/h4>\n<p>Es ist eine ungekl\u00e4rte Frage, wie sich der Import von Waffen auf die Wahrscheinlichkeit auswirkt, dass es zu einem innerstaatlichen bewaffneten Konflikt kommt. Die bestehende Literatur hat das nur f\u00fcr begrenzte Zeitperioden oder beschr\u00e4nkt auf bestimmte L\u00e4nder untersucht, und sie ist dabei zu keinen eindeutigen Ergebnissen gekommen.<br \/>\nTheoretisch ist beides vorstellbar: Wenn eine Regierung Waffen importiert, kann das nat\u00fcrlich dazu f\u00fchren, dass sie m\u00f6gliche Oppositionelle abschreckt, weil sich f\u00fcr die dann ein Konflikt nicht mehr rentiert. Es kann aber ebenso gut sein, dass die importierten Waffen eine Spirale der Gewalt in Gang setzen, weil Regierungen Waffen, wenn sie sie schon einmal importiert haben, auch gerne einsetzen oder Rebellen dann erst recht losschlagen, wenn sie erwarten, dass die Importe nur Vorboten weiterer Aufr\u00fcstung der Regierung sind. Wir brauchen also einen empirischen Ansatz, um zu \u00fcberpr\u00fcfen, welcher der beiden Effekte \u00fcberwiegt.<\/p>\n<h4>Die Herausforderungen<\/h4>\n<p>Ein Problem beim Thema Waffenhandel ist nat\u00fcrlich, dass nicht alle Daten verf\u00fcgbar sind, die wir gerne h\u00e4tten: Deshalb m\u00fcssen wir uns auf die Erkl\u00e4rungskraft der Importe von Gro\u00dfwaffen, also z. B. Flugzeuge oder Panzer, auf Seiten der Regierungen st\u00fctzen, weil dies die verl\u00e4sslichsten Daten sind. Wir ber\u00fccksichtigen also weder die Importe von Kleinwaffen noch Waffenfl\u00fcsse zu Rebellen \u2013 f\u00fcr erstere gibt es Daten erst ab den 90ern, f\u00fcr die Rebellen sind f\u00fcr unsere Zwecke geeignete Daten bisher \u00fcberhaupt nicht verf\u00fcgbar.<br \/>\nDas zweite Problem besteht in der Endogenit\u00e4t der Waffenimporte, sprich darin, dass man bei den \u00f6konometrischen Analysen nicht wei\u00df, ob mehr Waffenimporte tats\u00e4chlich kausale Ursache f\u00fcr mehr oder weniger Konflikte sind, oder ob nicht vielmehr drohende Konflikte zu mehr Waffenimporten f\u00fchren. Wenn Regierungen antizipieren, dass es bald zu einem bewaffneten Konflikt mit einer Rebellengruppe kommen k\u00f6nnte, werden sie Waffen importieren, um ihre Gewinnwahrscheinlichkeit im Falle eines Konfliktausbruchs zu erh\u00f6hen. Die Herausforderung besteht also darin, \u00f6konometrisch den kausalen Effekt von Waffenimporten auf die Konfliktwahrscheinlichkeit so herauszufiltern, dass er nicht von Waffenimporten aufgrund antizipierter Konflikte verf\u00e4lscht wird.<\/p>\n<h4>Das Vorgehen<\/h4>\n<p>Wir verwenden einen Datensatz, der 137 L\u00e4nder umfasst, je nach Verf\u00fcgbarkeit von Daten und Existenz des Landes maximal von 1949 bis 2013. Die Daten der zu erkl\u00e4renden Variable Konfliktausbruch kommen von UCDP (Uppsala Conflict Data Program); als innerstaatlicher Konflikt wird dabei eine bewaffnete Auseinandersetzung zwischen einer Regierung und mindestens einem nicht-staatlichen Akteur definiert, bei der mindestens 25 Menschen innerhalb eines Jahres ums Leben gekommen sind.<br \/>\nUm das Endogenit\u00e4tsproblem (s. o.) in den Griff zu bekommen, verwenden wir zwei verschiedene Ans\u00e4tze: Zum einen den traditionellen, eine Instrumentierung mit einer Instrumentalvariable, zum anderen ein etwas ungew\u00f6hnlicheres Modell simultaner Gleichungen.<\/p>\n<p><strong>Instrumentalvariablen-Ansatz<\/strong><br \/>\nBei einer Instrumentierung wird versucht, die Varianz in den Waffenimporten, die durch die Antizipation von Konflikten verursacht wird, aus der Analyse rauszunehmen, indem man einen Faktor, genannt Instrumentalvariable, findet, der zwar mit dem Import von Waffen zusammenh\u00e4ngt (\u201eRelevanz\u201c), aber keinen Einfluss auf die Konfliktwahrscheinlichkeit aus\u00fcbt (\u201eExogenit\u00e4t\u201c).<br \/>\nWir konstruieren uns eine Instrumentalvariable, indem wir die Waffenimporte nach verschiedenen Typen in zwei Kategorien einteilen: Zum einen Waffen, die man als Regierung in einem innerstaatlichen Konflikt einsetzen kann, also z. B. Panzer oder Flugzeuge, zum anderen Waffen, die f\u00fcr solche Konflikte \u00fcblicherweise nicht von gro\u00dfem Nutzen sind, wie etwa Schiffe oder Flugabwehrsysteme. Beide Waffentypen werden oft gemeinsam importiert (Relevanz des Instruments), weil es Regierungen um ein ausgewogenes Portfolio an Milit\u00e4rausstattung geht; aber Waffen, mit denen man in innerstaatlichen Konflikten nichts anfangen kann, werden auch nicht zur Vorbereitung darauf importiert (Exogenit\u00e4t).<\/p>\n<p><strong>Modell simultaner Gleichungen<\/strong><br \/>\nAls zweiten Ansatz verwenden wir ein Modell simultaner Gleichungen, mit dem wir das gleiche Ziel verfolgen, n\u00e4mlich R\u00fcckschl\u00fcsse auf den <em>kausalen<\/em> Effekt von Waffenimporten auf die Konfliktwahrscheinlichkeit zuzulassen. Wir verwenden daf\u00fcr zwei Gleichungen, eine zur Erkl\u00e4rung der Waffenimporte und eine zur Erkl\u00e4rung der Konfliktausbr\u00fcche; in jeder dieser beiden Gleichungen taucht die jeweils andere Variable als erkl\u00e4render Faktor auf, sprich Waffenimporte \u00fcben \u00fcber die Konflikt-Gleichung einen bestimmten Effekt auf die Konfliktwahrscheinlichkeit aus, und Konflikte \u00fcben \u00fcber die Import-Gleichung Effekte auf die Waffenimporte aus (weil eben die Antizipation eines Konflikt auch zu mehr Waffenimporten f\u00fchren kann). Durch ein bestimmtes \u00f6konometrisches Verfahren (das wir nicht erfunden haben, sondern von anderen Autoren \u00fcbernehmen) bekommt man dann durch diese beiden Gleichungen sowohl den kausalen Effekt der antizipierten Konflikte auf die Importe, der f\u00fcr uns nur nebens\u00e4chlich ist, als auch den kausalen Effekt der Waffenimporte auf die Konfliktwahrscheinlichkeit.<\/p>\n<h4>Ergebnisse: Mehr Waffen, mehr Konflikte<\/h4>\n<p>Beide Ans\u00e4tze liefern uns \u00e4hnliche Ergebnisse: Wir sehen, dass ein Mehr an staatlichen Waffenimporten zu einem h\u00f6heren Risiko eines innerstaatlichen Konflikts f\u00fchrt, und zwar sowohl bei einem Anstieg der Importe des aktuellen Jahres als auch des allgemeinen Niveaus der letzten f\u00fcnf oder zehn Jahre. Das ist deshalb interessant, weil Waffenimporte oftmals Lieferungen von gro\u00dfen Mengen auf einmal sind, die aber nat\u00fcrlich nicht nur im laufenden Jahr, sondern auch l\u00e4ngerfristig dann milit\u00e4risch zum Einsatz kommen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter wp-image-835\" src=\"https:\/\/www.andreas-mehltretter.de\/wp\/wp-content\/uploads\/2018\/02\/pred3new.png\" alt=\"\" width=\"563\" height=\"409\" srcset=\"https:\/\/www.andreas-mehltretter.de\/archiv\/wp-content\/uploads\/2018\/02\/pred3new.png 1650w, https:\/\/www.andreas-mehltretter.de\/archiv\/wp-content\/uploads\/2018\/02\/pred3new-300x218.png 300w, https:\/\/www.andreas-mehltretter.de\/archiv\/wp-content\/uploads\/2018\/02\/pred3new-768x559.png 768w, https:\/\/www.andreas-mehltretter.de\/archiv\/wp-content\/uploads\/2018\/02\/pred3new-1024x745.png 1024w\" sizes=\"auto, (max-width: 563px) 100vw, 563px\" \/><\/p>\n<p>Um das Ergebnis zu veranschaulichen, haben wir berechnet, wie sich das Risiko eines Konflikts in Abh\u00e4ngigkeit von den Waffenimporten ver\u00e4ndert, und zwar f\u00fcr zwei verschiedene typisierte L\u00e4nder: ein Hoch-Risiko-Land, das z. B. bereits einen Konflikt erlebt hat in den letzten f\u00fcnf Jahren, einen relativ hohen Anteil der Bev\u00f6lkerung von der politischen Teilhabe ausschlie\u00dft, ein niedriges Wohlstandsniveau hat, etc. \u2013 und mit den umgekehrten Charakteristika ein Niedrig-Risiko-Land.<br \/>\nWie man in der Grafik sch\u00f6n sieht, haben die Waffenimporte (X-Achse), wie wir auch theoretisch vermutet haben, keinen Einfluss in einem Land mit niedrigem Konfliktrisiko (Y-Achse). Aber wenn bereits Faktoren bestehen, die einen Konflikt beg\u00fcnstigen, f\u00fchren mehr Waffenimporte auch zu einer noch h\u00f6heren Konfliktwahrscheinlichkeit: F\u00fcr unser stilisiertes Hoch-Risiko-Land steigt das Risiko um 20 Prozentpunkte zwischen einer Situation, in der es keine Waffen importiert, und einer Situation, in der es sehr viele Waffen importiert (so viele, wie wir maximal in unserem Datensatz beobachten k\u00f6nnen, dass ein Land mal tats\u00e4chlich importiert hat).<br \/>\nWir zeigen also, dass Importe von Waffen tats\u00e4chlich zu einer h\u00f6heren Wahrscheinlichkeit innerstaatlicher Konflikte f\u00fchren. Allerdings gilt das nur f\u00fcr L\u00e4nder, in denen bereits ein gewisses Risiko herrscht, und nur f\u00fcr Gro\u00dfwaffen \u2013 eventuell sieht das bei Kleinwaffen, die sich f\u00fcr v\u00f6llig andere, auch nicht-milit\u00e4rische Einsatzzwecke eignen, ganz anders aus.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Letzte Woche habe ich die freudige Nachricht bekommen, dass mein erstes Paper jetzt ver\u00f6ffentlicht ist: Im \u201eJournal for Peace Research\u201c &hellip; <a href=\"https:\/\/www.andreas-mehltretter.de\/archiv\/2018\/02\/mehr-waffen-mehr-innerstaatliche-konflikte\/\" class=\"more-link\">Continue reading <span class=\"screen-reader-text\">Mehr Waffen = mehr innerstaatliche Konflikte?<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"jetpack_post_was_ever_published":false,"_jetpack_newsletter_access":"","_jetpack_dont_email_post_to_subs":false,"_jetpack_newsletter_tier_id":0,"_jetpack_memberships_contains_paywalled_content":false,"_jetpack_memberships_contains_paid_content":false,"footnotes":"","jetpack_publicize_message":"","jetpack_publicize_feature_enabled":true,"jetpack_social_post_already_shared":true,"jetpack_social_options":{"image_generator_settings":{"template":"highway","default_image_id":0,"font":"","enabled":false},"version":2}},"categories":[13],"tags":[],"class_list":["post-829","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-konflikte"],"jetpack_publicize_connections":[],"jetpack_featured_media_url":"","jetpack_sharing_enabled":true,"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.andreas-mehltretter.de\/archiv\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/829","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.andreas-mehltretter.de\/archiv\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.andreas-mehltretter.de\/archiv\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.andreas-mehltretter.de\/archiv\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.andreas-mehltretter.de\/archiv\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=829"}],"version-history":[{"count":6,"href":"https:\/\/www.andreas-mehltretter.de\/archiv\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/829\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":837,"href":"https:\/\/www.andreas-mehltretter.de\/archiv\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/829\/revisions\/837"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.andreas-mehltretter.de\/archiv\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=829"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.andreas-mehltretter.de\/archiv\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=829"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.andreas-mehltretter.de\/archiv\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=829"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}